Alles Asoziale!

Bettler auf der Straße

Der Begriff „asozial“ stammt von den Nazis und bezeichnete all die Menschen, die unfähig waren, sich in der Gesellschaft einzuordnen.
Also Obdachlose, Bettler, Prostituierte und Alkoholiker.
Menschen, die zur Last des fleißigen deutschen Arbeiters vor sich hin vegetieren und das deutsche Erbgut gefährden. Unterm Strich ein wenig Sarrazin – nur ohne Herkunft!
Im Politikteil der aktuellen Zeit-Ausgabe geht es um das Thema Armut, also das unmittelbare Resultat aus Arbeitslosigkeit. Bevor ich in diesem Blogbeitrag auf das Thema „Die Sicht der Gesellschaft auf Armut und Arbeitslose“ eingehen will, möchte ich eines vorab sagen: Arbeitslose sind nicht generell asozial! Arm, aber sexy trifft nicht zu!

Jeder Bürger habe die gleichen Chancen, sich beruflich zu entfalten.
„Dieses Versprechen gilt weiterhin. Nur nicht für die Unterschicht. Die packt das nicht. Warum? Weil sie es in Wahrheit nicht will. Das sagt die Mittelschicht.“, so der Autor.
Was ist dran an dieser angeblichen Sicht der Mittelschicht auf die Armen?
Und wer gilt überhaupt als arm?
Zuerst einmal unterscheidet man zwischen absoluter und relativer Armut.
Robert Strange McNamara, ein ehemaliger Präsident der Weltbank, definierte den Begriff der absoluten Armut folgendermaßen:
„Armut auf absolutem Niveau ist Leben am äußersten Rand der Existenz. Die absolut Armen sind Menschen, die unter schlimmen Entbehrungen und in einem Zustand von Verwahrlosung und Entwürdigung ums Überleben kämpfen, der unsere durch intellektuelle Phantasie und privilegierte Verhältnisse geprägte Vorstellungskraft übersteigt.“
Anders gesagt: absolut arm ist, wer sich nicht selbst ernähren kann.
Betteln und möglicher Hungerstod sind demnach die unmittelbaren Folgen. Hingegen dazu ist derjenige relativ arm, der im Vergleich zum Durchschnitt der Gesellschaft deutlich weniger Geld hat. Also kann eine Person, die in Deutschland von relativer Armut bedroht ist, in anderen Ländern als wohlhabend gelten. Die daraus resultierende Folgen sind neben Ausgrenzung zumeist die Minderung des sozialen Ansehens durch fehlende Teilhabe an Kultur und sozialen Aktivitäten.

Der Artikel stellt eine Person vor, die genau darunter zu leiden hat.
Steffy ist eine 47 Jahre alte alleinerziehende Mutter von 5 Kindern, die über die
Jahre 30 000 Euro Schulden gemacht hatte. Die Schuld dafür sucht sie nur bei sich.
„Ich habe ja nie gelernt, mit Geld umzugehen.“
Nach dem Hauptschulabschluss hat sie nicht begonnen zu arbeiten.
Momentan lebt sie von Hartz IV und bekommt Erwerbsunfähigenrente, da sie aufgrund ihres Körpergewichts und den Krankheiten nicht arbeiten kann.
Steffy sitzt um Rollstuhl. 150 kg hat sie schon abgenommen. Ihre Gelenke bleiben zerstört.
Die Geschichte klingt ganz klar nach RTL. „Arm, aber genug Geld um sich zu überfressen!“, sagen deren Zuschauer.  Dass das Essen für sie jedoch die einzige Möglichkeit war, ein warmes und wohles Gefühl zu bekommen, welches ihr die Gesellschaft nicht bietet, das erfordert wohl zu viel Gehirnschmalz.
„Ich bin nicht böse auf die Menschen. Ich denke nur: Lernt doch erst mal den Menschen kennen, über den ihr urteilt. Ich wollte auch nie in Hartz IV landen. Ich möchte auch, dass meine Kinder ein besseres Leben haben als ich.“

Für ihren Sohn Justin hingegen stehen die Aufstiegschancen gut.
Nachdem er sich bei einem Jugendwerk Geld für Bewerbungsfotos geliehen hatte, arbeitet er seither in einem Restaurant und verdient 440 Euro monatlich.
Außerdem setzt er sich sozial für die Gesellschaft an, nämlich als Mitglied in der freiwilligen Feuerwehr, die für ihn eine Art zweite Familie darstellt.
Es gefällt ihm, anderen zu helfen, gerade wenn sie in Gefahr sind. Deshalb möchte er später mal bei einem Sicherheitsdienst arbeiten.
Aber „egal, in welchem Beruf Justin einmal arbeiten wird, er wird wohl nie mehr als etwa 1000 Euro im Monat verdienen. Aber es wird mehr sein, als seine Mutter jemals selbst verdient hat. Man könnte sagen, dass er aufsteigen wird“, so der Autor.

Ist Bildung der Ausweg aus der Armut? Die Internetseite armut.de sagt dazu folgendes: „Armut verhindert Bildung und Bildung verhindert Armut“ Wie soll man aus diesem Teufelskreis ausbrechen können, wenn Bildung das Ziel, aber der Mangel daran gleichzeitig das Hindernis ist? Zwar ist der Besuch einer Schule (zumindest für den Schüler) kostenlos, aber die „Chance auf eine Gymnasiumempfehlung“ sei bei einem „Kind aus einem sozial angesehenen Elternhaus fast dreimal so hoch, wie die eines Facharbeiterkindes. Kinder aus einem gutverdienenden Elternhauses hätten sogar eine 7,4-fach größere Chance ein Studium aufzunehmen“, so der Armutsbericht von 2004, deren Aussage an Aktualität nicht verloren hat. Menschen, die von ganz unten aufsteigen, sind wohl die Ausnahme. Justins gibt es wenige.

Zurück zur Ausgangsfrage. Ist das Bild, das uns RTL von der Unterschicht vermittelt, ein wahres? Sind arme Menschen generell faule Schmarotzer, die sich ihr Schicksal ausgesucht haben? Oder ist es nicht wahrscheinlicher, dass gerade die Menschen, deren Geldbeutel schmal ist, die vorsichtigeren sind? Dass die Menschen, die von klein auf mit sozialen Problemen konfrontiert wurden, die besseren Problemlöser sind? Die ehrgeizigeren Persönlichkeiten? Sind Menschen, die gezwungenermaßen von anderen abhängig sind, nicht dadurch die sozialeren? Und zusammenfassend noch eine Frage, die der Autor in den Raum wirft: „Warum ist es so schwer, zu verstehen, dass es viel mehr Energie kostet, unten einen Zentimeter voranzukommen, als oben tausend Meter?“
All das sind Fragen, die sich die wenigsten stellen, wenn sie an die Unterschicht denken.
Zu festgefahren sind die herrschenden Klischees. Scheinbar ist es normal, dass die Menschen innerhalb einer Gesellschaft einen Sündenbock brauchen.
Was für die Mittelschicht die faulen Schmarotzer der Unterschicht sind, das sind andersherum die geizigen Geldsäcke und kapitalistischen Ausbeuter der Oberschicht für die Armen.

Armut ist ein wichtiges Thema – und zwar für alle Gesellschaftsschichten!
Das statistische Bundesamt stellte 2010 fest, dass 15,6% aller Deutschen armutsgefährdet sind (bei Arbeitslosen sogar 54%).
Egoistische Menschen sollten also gut aufpassen, über wen sie herziehen. Die Chance, dass erwerbstätige Menschen aus der Mittelschicht plötzlich arbeitslos werden, ist groß.
Sucht man die Schuldigen für Armut generell, so kommt man meiner Meinung nach nicht an der Systemkritik vorbei. Das Versagen einiger Gieriger kann zur Vernichtung der Existenzen tausender Einkommen führen. Man überlege nur, was passiert, wenn eine große Industriefirma pleite geht und ganze Werke geschlossen werden müssen. Im besseren Fall müssen „nur“ hunderte von Arbeitsplätzen gestrichen werden.
Gerät die Wirtschaft ins Wanken, so wie sie es in den letzten Jahren tut, dann finden die zwangsentlassenen Facharbeiter nicht mal Plätze bei der Konkurrenz.
Sollten sie auch noch über 40 Jahre alt sein, so wird aus dem fleißigen Arbeiter ganz schnell ein Mensch, der in Altersarmut leben wird.
Der Logik des vorhin erwähnten gesellschaftlichen Stereotyps nach würde das aus der Person einen faulen Arbeitslosen machen. Die Möglichkeit, dass jemand nämlich unverschuldet arbeitslos ist und aufgrund der Bedingungen des Arbeitsmarktes keinen Platz mehr findet, daran denken die wenigsten.

Nun kennen wir die Probleme des Kapitalismus nur allzu gut. Doch noch ist keinem eine ernstzunehmende Alternative eingefallen. Was bleibt uns dann noch übrig, außer die Menschen würdevoll zu behandeln und denen, die es nicht von alleine schaffen, ein würdevolles Leben führen zu können, unter die Arme zu greifen?
Aber ich sehe schon. Das ist natürlich anstrengender, als mit dem Weltbild weiter zu leben, dass jeder Arbeitslose arbeiten könnte, wenn er denn nur möchte, und sie eben nur zu faul sind, sich verschulden und jeden Euro in Alkohol und in Zigaretten stecken, den der brave Steuerzahler ihnen indirekt über die Mechanismen des Sozialstaats gibt.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Alles Asoziale!

  1. Pingback: Alles Asoziale! « F r e i e – G l o b a l e – W e l t

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s