Feministische Pornos? Ja bitte!

Auf meiner wöchentlichen Zugfahrt nach Mannheim tue ich am liebsten zwei Dinge, um mir die Zeit zu vertreiben – Zeitung lesen oder Podcasts hören. Da ich heute nicht der Fitteste war (wie es einem nach gewissen Samstagabenden eben so gehen kann…), entschied ich mich, den CRE-Podcast über Feminismus zu hören. (CRE: Technik, Kultur, Gesellschaft LINK: http://cre.fm/cre196-feminismus) Tim Pritlove interviewte diesmal Katrin Rönicke, eine im feministischen Themengebiet recht bekannte Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin und Publizistin. Um die Themen kurz zu umreissen… es geht um die Geschichte des Feminismus, was Feminismus überhaupt für Ziele hat und um feministische Pornografie. Feministische Pronografie? Ja, zuckten die Denkzellen meines verkaterten Kopfes kurz zusammen. Daheim angekommen habe ich erstmal ein wenig recherchiert und letztendlich diesen ersten Blogbeitrag verfasst. Viel Spaß beim Lesen! Alice Schwarzer ist wohl die Vorzeigefeministin Deutschlands. Die Liste der Bücher und Artikel, die sie geschrieben hat und die Anzahl der besuchten Talk Shows ist riesig! Eine bekannte und ziemlich umstrittene Geschichte ist die PorNO-Kampagne und das gleichnamige Buch, das 1994 erschienen ist. Das Ziel ist es, ein deutsches Gesetz gegen Pornografie durchzusetzen. Begründet wird dieses Vorhaben damit, dass in Pornos Frauen als passive Objekte männlicher sexueller Begierde statt als aktive, gleichgestellte Person dargestellt wird. Pornografie definiert sie dabei wie folgt: „Die Definition geht davon aus, daß der zentrale Sinn der Pornografie die Propagierung und Realisierung von Frauenerniedrigung und Frauenverachtung ist.“ Außerdem seien „…diejenigen Darstellungen zur sexuellen Anregung [pornografisch], die Frauen erniedrigen, sie in einer Ohnmachtsposition gegenüber Männern zeigen und zum Frauenhass oder gar Mord aufstacheln.“ Mord? Ohnmachtsposition gegenüber Männern? Das ist ja vielmehr eine Definition von Vergewaltigung. Die meisten Pornodarstellerinnen dürften sich aus freien Stücken dazu entschlossen haben, das zu tun, was sie tun. Höchstens fehlende Bildung, Geldmangel, jugendlicher Leichtsinn oder bloßes wirtschaftliches Denken können „zwingende“ Gründe sein. Aber das Bild von einer zweimeter großen, muskelbepackten Person, die die Mädchen dazu bringt, sich zu entblößen und sie am liebsten anschließend ermorden will, dürfte nicht weit verbreitet sein. Nach dieser Definition wäre ich auch sofort bei einer Verbotskampagne dabei! Doch was versteht die deutsche Rechtssprechung unter Pornografie? Früher fielen die Videos und Bilder, die man heute allgemein der Pornografie zuordnet, unter „unzüchtige Schriften“. Bei dem Fanny-Hill-Urteil von 1969 stellte man fest, dass ein geschlechtlicher Vorgang nicht grundsätzlich darunter fällt, „wenn sie nicht aufdringlich vergröbernd oder anreißend ist und dadurch Belange der Gemeinschaft stört oder ernsthaft gefährdet“ Widerspricht das nicht generell Schwarzers Definition? Denn Schädigung von Frauen fällt sehr wohl unter „Belange der Gemeinschaft“! 1973 wurde „unzüchtig“ durch pornografisch ausgetauscht, wobei man offiziell folgendes darunter versteht: Bei Pornografie handle es sich um „grobe Darstellungen des Sexuellen, die in einer den Sexualtrieb aufstachelnden Weise den Menschen zum bloßen, auswechselbaren Objekt geschlechtlicher Begierde degradieren. Diese Darstellungen bleiben ohne Sinnzusammenhang mit anderen Lebensäußerungen und nehmen spurenhafte gedankliche Inhalte lediglich zum Vorwand für provozierende Sexualität.“ Wohlgemerkt: der Mensch ist austauschbar, nicht nur die Frau. Die Personen werden sehr wohl zum Objekt degradiert, aber jedoch ohne Zusammenhang mit „anderen Lebensäußerungen“ wie zum Beispiel Geschlechterrollen. Das man das gerade als Feministin anders sehen kann, ist sehr gut nachzuempfinden. Wie sieht’s denn nun eigentlich aus? Wenn in Pornos generell der Mann als dominant und die Frau als unterlegenes Objekt dargestellt wird, könnte es nicht daran liegen, dass Pornos hauptsächlich von männlichen Zeitgenossen konsumiert werden? Eine Studie von 2006 kam dabei zu folgendem Ergebnis:

Demnach machen die Männer fast drei Viertel des Marktes aus. Die Erregungsmuster sind allerdings bei beiden Geschlechtern gleich. Konsumiert man Pornografien, so erhöht sich die Frequenz der Atmung und des Herzschlags. Ebenso kommt es zu einer höheren Durchblutung gewisser sexuell relevanter Körperteile. Die Studie kam des weiteren zu der Erkenntnis, dass Männer dazu tendieren, die Frauen als Objekt zu sehen. Die Frau hingegen achtet eher auf den Kontext und versetzt sich in die weibliche Darstellerin. Nichts Neues. Bestärkt eher Alice Schwarzers Standpunkt und erklärt außerdem, warum bei manchen Frauen die feministische Klingel beim Pornoschauen läutet. Also sind Pornos generell nicht mit dem feministischen Grundgedanken vereinbar? Scheinbar doch! Seit 2006 gibt es nämlich den „Feminist Porn Award“, der jährlich an die besten Filme vergeben wird, die folgende 3 Kriterien erfüllen. 1) Beteiligung einer Frau bei der Produktion Films (z.B. writing oder direction) 2) Es wird echte weibliche Lust gezeigt 3) Der Film erweitert die Grenzen der sexuellen Repräsentation und widerspricht bewusst Klischees, die man im Mainstream-Bereich oft antrifft. Ich nehme an, Alice Schwarzer stimmt den Kriterien zu, jedoch würden diese Filme für sie auch nicht unter den Begriff der Pornografie geführt werden, da sie ja nicht ihrer Definition entsprechen. Ich denke, dass auch die meisten männlichen Leser Pornos dieser Art zusagen, aber daraus ein Gesetz zu machen halte ich nicht wirklich für zielführend und etwas naiv. Gerade dank der „Demokratisierung der Pornografie“ im Internet schwindet der kontrollierbare Teil des Marktes stetig. Spätestens seit der Gründung von YouPorn 2006 haben Amateurfilme Hochsaison! Außerdem mal von einem anderen Blickwinkel… Bei körperlichen Übergriffen und Erniedrigung handelt es sich um Straftaten, die auch außerhalb der Lustfilmchen welche sind und gerichtlich verfolgt werden können. Und, HEY! (Vorsicht, schwarzer Humor) Das passende Beweismaterial hat man dann schon. Wohl sehr zur Freude des Richters. Alice Schwarzers Buch PorNO gibt es aktuell bei Amazon für 0,96€ gebraucht zu kaufen. Der Feminist Porn Award ist dieses Jahr ausgefallen. Der pornografische Markt wächst unbeeindruckt weiter… Und über Sinn und Unsinn der Debatte scheiden sich die Geister…

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